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Usedom – Meer, Wald & Inselliebe

Freiheitsgefühl auf dem Fahrrad

„Hagel im Mai?“ schießt es mir durch den Kopf, während ich meinen Regenschirm aus dem Rucksack zerre. Ich stehe mitten im Wald, mit mir nur das quietschgelbe Fahrrad, mit dem ich von Karlshagen über Zinnowitz die Halbinsel Gnitz erkunden möchte. Zwischen dem Ostseebad Karlshagen, Trassenheide und Zinnowitz hat die Natur ein wunderbares Fleckchen Erde geschaffen; hinter den Dünen beginnt ein uriger Kiefernwald, jetzt im Mai leuchtet das Laub froschgrün. Nach zehn Minuten ist der Hagel-Spuk vorbei, es duftet nach Moos und Holz, vor mir reflektieren die Pfützen das gleißende Sonnenlicht.

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Volle Kraft gen Süden!

In Zinnowitz angekommen ist es wieder mit der Sonne vorbei, Wolken türmen sich über der Seebrücke auf. Während die Möwen unbeeindruckt ihre Runden drehen, verkrümeln sich die Menschen unter dem Dach eines Cafés.

Doch heute will ich mich den Naturgewalten stellen, weshalb ich meinen Fahrradlenker schnurstraks gen Süden richte und drauf los strample. Nach wenigen Kilometern liegt Zinnowitz hinter mir, links und rechts tun sich Felder auf. Ich radel über die Halbinsel Gnitz, die vom Achterwasser umgeben ist; einer Lagune des Peenestroms, der wiederum in das Stettiner Haff mündet.

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Klönen mit Frau Hannemann

Kurz vor dem 50-Seelendorf Netzelkow überrascht mich erneut ein kräftiger Schauer. Vielleicht wollte mir der liebe Gott ein Zeichen senden, denn meine Regenflucht führt mich zu Elke Hannemann in die Pfarrscheune.

„Apfelkuchen mit Streuseln oder Schokokuchen“, fünf Worte und die nasse Hose ist vergessen.

Während ich meinen Apfelkuchen bis auf den letzten Krümel Streusel verdrücke, sprechen Frau Hannemann, drei rüstige Rentner und ich über die Tourismuswirtschaft, das Leben auf der Insel, wohin sich die Welt gerade entwickelt. Was ich in Bremen nie machen würde, ist hier eine Selbstverständlichkeit: Einfach drauf los quatschen, Fragen stellen, sich kennenlernen. Inselluft macht locker, denke ich mir.

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Die Pfarrscheune in Netzelkow, idyllischer geht es wohl kaum.

Insel: Das ist auch ein Gefühl

In drei Tagen auf Usedom habe ich bestimmt mit 15 wildfremden Leuten geschnackt, wie wir Norddeutschen sagen. Ein Lächeln, eine Frage und schon war die Barriere weg, die mich wie eine Blase im Stadtalltag von meinen Mitmenschen abschottet. Da war eine Rentnerin, die ihren Lebensabend in einer Genossenschaftswohnung auf der Insel verbringt und mit mir den Sonnenuntergang genoss. Eine Camperin, mit der ich meinen ersten Bernsteinfund am Strand feierte (und die mir nebenbei erklärte, wie ich Bernstein von Phosphor unterscheide). Ein Ehepaar, das sich mit mir über bunte Blumenbeete in Ahlbeck freute.

Was ein paar Hundert Meter Meer ausmachen können! Denn zwischen dem Festland und der Insel Usedom liegen nur wenige Hundert Meter. Die Insel ist auch ein Gefühl. Statt aufs Smartphone blickt man in den Himmel, aufs Meer oder eben seine Mitmenschen.

Dass ich als Bloggerin auf Usedom unterwegs bin, macht neugierig. Elke Hannemann vermietet ihre Ferienwohnungen nämlich, wie sie ausdrückt: „ganz ohne Internet“. Was auch nicht im Internet zu finden ist, ist die vor mir liegende Fahrradstrecke.

Sie sehen noch fit aus, da schick ich sie über den Kirchsteig“, weist mir Frau Hannemann den Weg nach Lütow. Vor mir liegt ein holpriger Pfad über Wiesen und Felder, doch das Leihrad beweist Willensstärke.

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Sing mir das Lied von Krummin

Hat sich der Regen nun endlich verzogen, wartet am Achterwasser eine neue Naturgewalt auf mich: Wind. Der kommt -wie soll es anders sein- von vorne. Doch mittlerweile sind mein Fahrrad und ich ein eingeschworenes Team, darum schlagen wir noch einen Haken gen Westen.

Was hilft gegen schwer werdende Beine? Singen! Hab ich zu Beginn der Fahrradtour nur leise vor mich hingesummt, fällt mir urplötzlich am Achterwasser auf: Hier ist ja niemand! Also hol ich tief Luft und träller erst zurückhaltend, dann befreit, drauf los. Die Kilometer verfliegen und schnurstracks bin ich am Naturhafen in Krummin angelangt.

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Der Naturhafen in Krummin. Hier kann man übrigens auch Kanutouren oder eine Fahrt auf einem traditionellen Zeesenboot buchen.

Meine Usedom Fahrradtour zum Nachradeln: (Start) Karlshagen – Trassenheide – Zinnowitz – Neuenfelde – Netzelkow – Lütow – Krummin (von hier wieder zurück nach Karlshagen über) – Mölschow – Trassenheide – Karlshagen (Gesamtstrecke etwa 35 km). Mit vielen Fotostopps habe ich etwa vier Stunden gebraucht.

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Hier die Fahrradroute, die ich gefahren bin. Die interaktive Karte findest Du am Ende des Artikels.

Extra-Tipp: Wanderung auf der Halbinsel Gnitz

Wander-Tipp: Ab Lütow gibt es eine rund 5 km lange Rundwanderung über die Gnitzer Südspitze. Diese führt auf den 32 Meter hohen „weißen Berg“, von wo man eine herrliche Aussicht über das Achterwasser hat. Mit Glück kann man außerdem Fischotter oder Seeadler am Ufer des Achterwassers sehen.

Bäderarchitektur in Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin

Obwohl Usedom Teil der DDR war, finden sich in den drei Seebädern Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck pompöse Villen. Im 19. Jahrhundert entdeckte das deutsche Kaiserhaus, dicht gefolgt von Adel und Bürgertum, die wohltuende Wirkung der Ostseeluft. Fortan verbrachten immer mehr Gutbetuchte ihre „Sommerfrische“ an der Küste. Villen wurden errichtet. Das Motto: Klotzen statt kleckern!

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Die Seebrücke in Ahlbeck steht unter Denkmalschutz. Sie wurde 1882 erbaut und ist damit die älteste Seebrücke Deutschlands.
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Die Seebrücke in Heringsdorf ist mit 508m Länge die längste Seebrücke in Deutschland.
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Glanz & Gloria am Strand

Glücklicherweise überdauerten viele der Villen die DDR, obwohl über 400 Hoteliers, Restaurant- und Pensionbetreiber in einer Nacht und Nebel Aktion im Jahr 1953 enteignet wurden (für historisch Interessierte: „Aktion Rose“). Bis zur Wende betrieb nun die Einheitsgewerkschaft „Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“ (FDGB) die Unterkünfte. Erst in den 90er Jahren erhielten die Eigentümer oder deren Nachfahren die Gebäude zurück.

20 Jahre nach der Wiedervereinigung strahlen die Villen in Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck. Manche Häuser erinnern an den Schwarzwald, andere an viktorianische Prachtbauten. Für das Auge ist es ein Fest: Da ein Turm, hier Säulen, dort schnörkelige Fassaden. Die Bäderarchitektur ist auch ein Ausdruck von Freiheit: Denn jeder Bauherr verwirklichte hier seine persönliche Vorliebe, allein das Portemonnaie setzte Grenzen.

Wanderung oder Fahrradtour entlang der Promenade: Die Kaiserbäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck verbindet eine 9 km lange Strandpromenade. Entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad sieht man hier viele verschiedene Villen. Stärken kann man sich unterwegs bei einem Fischbrötchen oder in einem Café. Die drei Seebäder werden auch von der Usedomer Bäderbahn verbunden, so dass man die Strecke nur in eine Richtung gehen muss- und zurück wieder mit der Bahn fahren kann.

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